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Zehn Prozent aller deutschen Männer sind schwul, heißt es. Die tatsächliche Zahl dürfte noch deutlich höher sein. Rein statistisch könnte also in jeder Bundesliga-Mannschaft mindestens ein schwuler Fußballspieler dem Ball hinterherjagen. Offiziell bekannt allerdings hat sich zu seiner Homosexualität bislang noch kein einziger aktiver Fußballprofi.
Lebten wir im Sudan, wäre das Schweigen mehr als verständlich, denn dort wird gleichgeschlechtliche Liebe mit dem Tod durch Steinigung bestraft. Wer Glück hat, kommt mit hundert Stockhieben davon und falls er die überleben sollte, wandert er für zwei Jahre ins Gefängnis. In Uganda gibt es für Schwule weder Stockhiebe noch Steinigung, dafür aber 14 Jahre Haft. In Russland, in Polen, Ungarn und in jenen Staaten der USA, in denen Evangelikale und Wiedergeborene Christen am Ruder sind, werden bekennende Homosexuelle verfolgt, von der Polizei brutal misshandelt, zusammengeschlagen und laut Amnesty International sogar gefoltert. In der DDR wurde Homosexualität seit Ende der Sechziger-Jahre nicht mehr geahndet. In der Bundesrepublik existierte der berüchtigte Paragraf175 in der von den Nazis zugespitzten Fassung bis 1969; erst 1994 fiel er im Zuge der Wiedervereinigung gänzlich weg.
1992 strich die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität von der Liste psychischer Krankheiten. Inzwischen steht gleichgeschlechtliche Liebe hierzulande nicht nur nicht mehr unter Strafe – Schwule und Lesben dürfen wegen ihrer sexuellen Orientierung auch nicht mehr diskriminiert werden. Sexualität ist Privatsache und ein Outing eine zutiefst persönliche Entscheidung, die jedem und jeder selbst überlassen bleiben muss. Doch ein offenes gesellschaftliches Klima sollte diese Entscheidung möglich machen und nicht sanktionieren.
Nach dem Selbstmord des Torwarts Robert Enke, der nicht schwul, aber schwer depressiv war, wurden von Trainern und Sportfunktionären, von Politikern und Journalisten Worte der Betroffenheit geäußert. Auch der Tabu-Begriff Homosexualität im Profifußball fand Erwähnung und Beachtung – immer im Zusammenhang mit den Worten Toleranz und Akzeptanz. Es wurde appelliert, Verständnis und Menschenwürde eingeklagt. Schwule Fußballer sollten sich nicht mehr mit schicken Alibi-Gattinnen hinter der perfekten Fassade von Höchstleistung und Machotum verstecken müssen, sondern sich – wie einige der Spielerinnen im Frauenfußball – bekennen dürfen zu ihrer Homosexualität.
Wobei die Krankheit Depression und eine sexuelle Präferenz wie Homosexualität zwar keinesfalls in einen Topf geworfen werden dürfen, doch bei beiden handelt es sich um Stigmata, die nicht nur Fußballer brandmarken. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Kenner der Situation, wie Trainer und Klubpräsidenten, warnen schwule Spieler eindrücklich vor einem Outing oder empfehlen gar – wie kürzlich Fußball-Macho Rudi Assauer – dringend einen Berufswechsel, weil die Fans das niemals verzeihen und den Spieler in Zukunft „plattmachen“ würden. Beschimpfen die Fans doch schon jetzt alles und jeden, das oder den sie nicht verstehen und deshalb ablehnen, bevorzugt als schwul. Schließlich sind wir alle irgendwie Fußballer, und wir sind keinesfalls schwul.
Überhaupt scheint die Homophobie tief verwurzelt zu sein in der Volksseele und am deutschen Stammtisch, trotz anderslautender Bekundungen. Warum ist das so? Wir haben einen schwulen Außenminister, der, zugegeben, zurzeit nicht gerade Bella Figura macht, aber das liegt nicht an seiner sexuellen Präferenz, sondern an seiner Profilneurose samt fehlendem Fingerspitzengefühl. Die Freie und Hansestadt Hamburg hat einen homosexuellen Bürgermeister und unsere Hauptstadt auch. Letzterer schreitet mit seinem Mann gern über rote Teppiche und hat als erster Politiker sein Outing vollzogen mit einem Satz, der in die Geschichte eingegangen ist: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so.“
Bei der Bundeswehr gibt es eine aktive „Arbeitsgruppe homosexueller Soldaten“. Selbst im deutschen Volksmusiksektor, der nicht gerade für seine avantgardistische Vorreiterrolle in unserer Gesellschaft berühmt ist, gibt es schwule Sänger, die von ihren Fans – überwiegend Frauen jenseits der ersten Maienblüte heiß und innig geliebt und verehrt werden – trotzdem oder deswegen, wer weiß das schon.
Und keine Vorabendserie, die nicht ihren Quoten-Schwulen unter Vertrag hätte. Die meisten schwulen Schauspieler und Entertainer verstecken ihre Homosexualität längst nicht mehr, auch wenn das Outing von Hape Kerkeling und Alfred Biolek 1992 unfreiwillig geschah und der Filmemacher Rosa von Praunheim damit deren Persönlichkeitsrechte verletzte.
Doch nicht nur im geschlossenen Männerbund und Macho-Schweigekartell der katholischen Kirche und im deutschen Profi-Fußball samt Fans scheint noch immer eine Sexualmoral wie in Uganda oder in den muffigen Fünfziger-Jahren zu herrschen, als Onanie noch auf direktem Weg zu Erblindung führte und über Homosexualität nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde, weil sie als pervers galt. (Was Priester keineswegs daran hinderte, das zu tun, was gerade ans Licht kommt.)
Auch in der Formel-1 zum Beispiel gibt es keinen einzigen Homosexuellen, nicht ein Vorstandsvorsitzender eines großen börsennotierten Unternehmens ist offen schwul, kein international operierender Manager und natürlich auch kein Spitzenbanker und schon gar kein Profi-Boxer oder Handballer. Dass Politiker sich outen, bewegt uns nicht sonderlich, denn die sind weit weg, mit denen identifizieren wir uns ohnehin nicht. Doch ein schwuler Manager oder Torhüter entspräche nicht mehr dem Klischee des Alpha-Tieres und wirkte somit für das Rudel angreifbar. Gibt es in all diesen Bereichen keine bekennenden Schwulen, weil es sich hier letztlich um uneinnehmbare Männerbastionen handelt, in der ausschließlich echte und wahre Kerle das große Rad von Macht und Geld drehen, kämpfen und vor allem siegen?
Nach vom Sudan bis Rom offenbar flächendeckend herrschenden Vorurteilen ist ein Schwuler alles, aber kein echter Kerl. Weil schwul überall gleich Weichei, weiblich, weibisch ist. Abgesehen von der Diskreditierung der Frau, die damit auch gleich eins übergebraten bekommt, ist das Etikett sehr bequem. Es hält die Angst und die Verunsicherung in Schach und schafft Distanz.
Warum wird Homosexualität hierzulande zwar oberflächlich toleriert, aber eigentlich nicht wirklich akzeptiert? Weil im knapp zweitausend Jahre alten Wertekanon des christlichen Abendlandes Sexualität immer und unbedingt an Fortpflanzung gebunden war und alles andere als Sünde galt und geahndet wurde. Im kollektiven Unterbewusstsein der christlich geprägten Menschheit gibt es deshalb eine ebenso enge wie fatale Verbindung von sexueller Lust und schlechtem Gewissen. An denen, die anders lieben, rächen wir uns dann dafür. Denn die Homosexuellen stellen unsere verinnerlichten Normen und unser Weltbild von Vater, Mutter, Kind infrage, verunsichern uns in unserer Geschlechterrolle und erinnern uns an vielleicht verdrängte Möglichkeiten. So kommen die schlimmsten homophoben Attacken immer von jenen Männern, die sich vor der eigenen Homosexualität, dem eigenen Anderssein, fürchten und es unterdrücken.
Zugegeben, das ist Jammern auf hohem Niveau. Denn trotz latenter Vorurteile und versteckter Homophobie in allen möglichen – meist unangenehmen – Spielarten, vom Schwulenwitz über warme Brüder bis hin zum lautstarken verbalen Angriff, muss hierzulande kein Schwuler um sein Leben fürchten, wie es in den meisten Ländern dieser Welt – nicht nur in Uganda und im Iran – tagtägliche Realität ist. Hotels beispielsweise werben mit dem Etikett „gayfriendly“ und warnen damit gleichzeitig jene, die eventuell nicht so „friendly“ sind. Aber sollte uns all das wirklich über die Tatsache hinweg trösten, dass in unserer Gesellschaft noch immer ein Klima herrscht, in dem derzeit kein ernstzunehmender Manager, Fußballer oder Spitzenbanker es wagen kann, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen?
Quelle: sz-online
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